Das war der Auftrag
Wache am Sondermunitionslager Bellersdorf

Bernhard Gorholt

Das Sondermunitionslager Bellersdorf
 

Vorbemerkungen

 

Während der Zeit des Ost-/West-Konfliktes war die Bundeswehr voll in die nukleare Verteidigungsplanung der NATO eingebunden. Obwohl selbst zu keinem Zeitpunkt mit nuklearen Sprengkörpern in autonomer Verfügung versehen, war sie dennoch mit eigenen Einsatzmitteln zur operativen Mitwirkung befähigt. Hierzu hielten die USA, nach dem Konzept der Nuklearen Teilnahme, die atomaren Gefechtsköpfe in der Bundesrepublik in Sondermunitionslagern bereit. Sie wären erst unmittelbar vor Beginn des Einsatzes nach festgelegten Freigabeverfahren überstellt worden. Die Bundeswehr stellte bereits im Frieden die erforderlichen Trägersysteme: für das Heer weittragende Haubitzen und Kurzstreckenraketen (zuletzt vom Typ Lance).

Die für das Heer eingerichteten Sondermunitionslager waren den Großverbänden (Korps / Division) zugeordnet, die auch über die Trägersysteme verfügten.

 

Das Nachschubbataillon Sw 320, dem Artilleriekommando 3 truppendienstlich unterstellt, stellte für das III. (GE) Korps die oberste atomare Versorgungsebene dar. Im Frieden hatte das Bataillon die verantwortungsvolle Aufgabe, das Sondermunitonslager Bellersdorf in engem Zusammenwirken mit den Soldaten der 96th Ordnance Company gegen jede mögliche Gefährdung zu schützen. Ab einer bestimmten Alarmstufe war das Lager zu evakuieren und die Sondermunition an geheim gehaltenen Orten in feldmäßig eingerichteten Korpsversorgungspunkten Sondermunition bereitzuhalten.

Das Sondermunitionslager Bellersdorf
Lance-Raketenwerfer des RakArtBtl 350

Das Sondermunitionslager Bellersdorf (engl.: Special Ammunition Site /SAS) lag in einem militärischen Schutzbereich und war von einem befestigten Rundweg umgeben, auf dem u.a. die zivilen Diensthundführer zur Streife eingesetzt wurden. Der Lagerbereich selbst war Militärischer Sicherheitsbereich. Er wurde begrenzt durch einen entsprechend beschilderten äußeren Sicherheits- zaun und war in einen inneren und einen äußeren Sperrbereich unterteilt. Der Zugang zum inneren Sperrbereich (Limited Area), mit den neun Munitionslagerhäusern (Bunker), wurde von den Soldaten der 96th OrdCo kontrolliert.

Die eigentliche Bewachung und Gefahrenabwehr für das Sondermunitionslager oblag aber dem NschBtlSw 320 und hier den Begleitsoldaten der 2. und 3. Kompanie. Während der Wachperiode waren diese im Wachgebäude mit dem Hauptkontrollturm untergebracht und wurden von hier aus u.a. auf den drei Beobachtungstürmen eingesetzt. Von diesen konnte das Gelände bei Tag und Nacht lückenlos eingesehen werden. Auftrag und Ausbildung dieser Soldaten zielten darauf ab, einen Angriff auf das Sondermunitionslager und die dort gelagerten Sprengköpfe abzuwehren. Hierzu  übten sie, in enger Abstimmung mit den US-Kräften, das alarmmäßige Besetzen von Stellungen im inneren Sperrbereich und das zeitgerechte Heranführen von Verstärkungskräften.

Sperrbereich mit den Munitionslagerhäusern
Wartungsgebäude der 96th OrdCo
Blick vom Beobachtungsturm

Elite - die Begleitsoldaten der 2. und 3. Kompanie


Begleitsoldat beim Handgranatenwurf

Die 2. und 3. Kompanie verfügte nach STAN über jeweils  4 Begleitzüge, je ca. 30 Soldaten. Neben der Bewachung des SAS waren sie auch für die Begleitung und Sicherung von Sondermunitionstransporten (auf der Straße mit Kfz bzw. auch per Hubschrauber) infanteristisch ausgebildet und entsprechend bewaffnet. Sowohl der im SdMunLager eingesetzte Begleitzug als auch der in der Aartal - Kaserne in Bereitschaft befindliche Begleitzug war umfangreich mit Gefechtsmunition (einschl. Panzerfaust- und Handgranaten) ausgestattet. Am Lager selbst wurden die Begleitzüge im Schichtwechsel eingesetzt. Beginn war mittwochs. Der Einsatz im Lager dauerte 2 Tage und wechselte sich mit 2 Tagen Bereitschaftsdienst in der Kaserne ab. Darauf folgten wieder 2 Wachtage. Dabei war der in der Aartal-Kaserne befindliche Bereitschaftszug jederzeit abruf- und einsatzbereit. Bei Alarmierung (legendärer Alarmruf „Güterzug“) gab es kein Halten: der Zug musste das Lager in Bellersdorf  innerhalb von 30 Minuten erreicht haben und zwar in der Bereitschaftsstufe „Klar zum Gefecht“. Dies wurde immer wieder geübt, bei Tag und bei Nacht. Immer mit scharfer Munition, immer mit teil geladener Waffe, nie wissend, ob Übung oder scharfer Einsatz. In der Tat, es war kein leichter Dienst und nichts für sensible Naturen. Und das über Tage bei strengstem Alkoholverbot!

24.12.1984: Der KG des III. (GE) Korps, GenLt Altenburg (li), besucht das Sondermunitonslager Bellerdorf

Jederzeit einsatzbereit und mobil-

die Soldaten der Transportumschlagzüge der 2. und 3. Kompanie.


Transportsoldaten beim Verladen eines SdMunBehälter

Neben den Begleitzügen verfügten beide Kompanien über je einen Transportumschlagzug (SdMun) und einen Transportumschlagzug (FK) für Flugkörper. Zur Sicherstellung der Versorgung der Artillerieverbände mit Sondermunition und Artillerieflugkörpern mussten auch diese Soldaten spezielle Fähigkeiten beherrschen, um den sensiblen Sonderauftrag des Bataillons zu gewährleisten; dies waren u.a.: die schnellstmögliche und vollständige Räumung/Evakuierung des Sondermunitionslagers im Alarmfall sowie die Durchführung von Sondermunitionstransporten auf der Straße (Sondermunitionsstaffel) und per Hubschrauber. Hierzu setzten die Transportzüge neben geländegängigen LKW 5 t und LKW 10 t auch Kranfahrzeuge ein, mit denen der Umschlag der sperrigen Sondermunitionsbehälter auch in schwierigem Gelände erfolgen konnte. Die als „Trägerfahrzeuge“ vorgesehenen LKw mussten ständig einsatzbereit sein; eine anspruchsvolle Aufgabe, auch für die Instandsetzungskräfte der Stabs- und Versorgungskompanie.
Transporte von Sondermunition wurden grundsätzlich von Soldaten der 96th OrdCo (Gewahrsamsmacht) und von deutschen Begleitsoldaten begleitet. Um bei Ausfall des US - Personals das widerrechtliche Aneignen von Sondermuniton durch Unbefugte unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu verhindern, trainierten auch die deutschen Transportzugführer (Offiziere und Unteroffiziere ab Feldwebel) regelmäßig die Unbrauchbarmachung / Notzerstörung (emergency destruction) dieser Munition.

Die zivilen Diensthundführer des Bataillons

Am 05. 05. 1969 wurden erstmals zur Verstärkung der Wache für das Lager Bellersdorf auch zivile Diensthundführer eingesetzt. Mit ihren "vierpfotigen Begleitsoldaten" bestreiften sie 24 Stunden lang die Zufahrtsstraße zum SAS, vor allem aber den Rundweg um das Lager. Ausgestattet mit ausgebildetem Diensthund, Pistole und Funkgerät, verfügten die Diensthundführer in einem Einsatz über den Kombattantenstatus. Die Diensthundführer trugen wesentlich zur präventiven Gefahrenabwehr und damit zu einer effizienten Bewachung des Sondermunitionslagers bei.

 

 

Die Fotos rechts hat uns der ehemalige und vielen Generationen von Begleitsoldaten bekannte DHF Siegried Schmidt zur Verfügung gestellt.

Atomare Sicherheitsüberprüfungen (engl.: Nuclear Surety Inspection / NSI)


Neben vielfachen internen Inspektionen wurde das Sondermunitionslager in Bellersdorf  zusätzlich alle 15 – 18 Monate einer strengen Sicherheitsüberprüfung durch eine NATO-Prüfgruppe unterzogen. Während dieser Besichtigung wurde alles geprüft, was mit der Handhabung, der Absicherung und Munitionssicherheit der atomaren Munition zu tun hatte. Ein wichtiger Schwerpunkt war die Verfügbarkeit und Beachtung der US-Sicherheitsvorschriften für atomare Munition. Diese Prüfung betraf sowohl die 96th OrdCo als auch das NschBtlSw 320.

Für die deutsche Seite wurde u.a. geprüft: 

  • Das alarmmäßige Besetzen der Stellungen im inneren Sperrbereich und das zeitgerechte Heranführen von deutschen   Verstärkungskräften aus der Aartal-Kaserne, aber darüber hinaus auch aus anderen Bundeswehrstandorten, z.B. Wetzlar oder Marburg
  • Das Verladen und Verzurren von Sondermunition
  • Die Durchführung von Sondermunitionstransporten
  • Das Beherrschen der Handfeuerwaffen
  • Die uneingeschränkte Einsatzbereitschaft von Geräten und Fahrzeugen, die für den Transport von Sondermunition vorgesehen waren.

 

Bis zur Auflösung des Sondermunitionslagers haben die Soldaten des Transportbataillon Sw 83 / Nachschubbataillon Sw 320 alle Inspektionen und Tests bravourös bestanden und damit die Sicherheit des Sondermunitionslagers jederzeit uneingeschränkt gewährleistet.


 


Dillzeitung vom Oktober 1989

Politische Zwischentöne: Demonstrationen vor dem Sondermunitionslager
Anfang der 1980er Jahre bescherte die Angst vor einer sich immer weiter drehenden Rüstungsspirale der Friedensbewegung einen nie gekannten Zulauf. Zehntausende Bürger gingen auf die Straße, um gegen den NATO-Doppelbeschluss, die damit verbundene Stationierung von Pershing-II-Raketen und die Lagerung nuklearer Sprengkörper auf deutschem Boden zu demonstrieren.
Als die Zeitschrift „Der Stern“ im Januar 1981 einen Bericht mit dem reißerischen Titel „Atomrampe BRD“ veröffentlichte und darin eine Liste aller auf westdeutschem Gebiet befindlichen Sonder- munitionslager abdruckte, kam es auch vor dem Lager Bellersdorf und vor der Aartal-Kaserne noch bis Anfang der 1990er Jahre zu mehreren Protestkundgebungen, an denen sich auch prominente Politiker aus der Region beteiligten.
Dank dem besonnenen Verhalten aller Beteiligten verliefen aber all diese Protestaktionen ausgesprochen friedlich - und auch das gute Verhältnis zwischen den Herbornseelbacher Soldaten und ihren Gastgebern sowie der örtlichen und regionalen Politik wurde hiervon nicht beeinträchtigt.
Letztendlich hatte sich die Doktrin der „atomaren Abschreckung“ bis hin zum heftig diskutierten NATO-Doppelbeschluss doch als erfolgreich erwiesen.


Mai 1994: Sprengung des Hauptturms

Der "Kalte Krieg" ist beendet, das Lager Bellersdorf wird aufgelöst, das Nachschubbataillon Sw 320 wird von seinem Auftrag entbunden. 


Mit dem Ende des Ost–West–Konfliktes einigten sich die USA und Russland auf die drastische Reduzierung der in Europa stationierten atomaren Gefechtsfeldwaffen. Folglich wurden ab 1992 im deutschen Heer die atomaren Trägersysteme abgerüstet; die Raketenartilleriebataillone und Artilleriespezialzüge wurden aufgelöst.
Das Sondermunitionslager Bellersdorf wurde im Verlaufe des Jahres 1992 geräumt und geschlossen.
Die Soldaten der 557 th USAAG und die 96 th OrdCo verließen „über Nacht“, leider ohne Abschied, die Aartal–Kaserne und ihren langjährigen Standort Herbornseelbach.
Das einst so stolze und für die damalige NATO-Strategie der Flexiblen Reaktion (Flexible Reponse) so wichtige Nachschubbataillon Sw 320 wurde am 18. 06. 1993 von seinem Auftrag entbunden und widmete sich bis zur endgültigen Schließung der Aartal–Kaserne am 27.09.1993  noch einer klassischen, aber weit weniger brisanten militärischen Aufgabe, nämlich der Ausbildung von Rekruten.

Jetzt, im Frieden des 21.Jhdts, wird auch ein kritischer Betrachter rückblickend feststellen müssen, dass die Herbornseelbacher Soldaten – auch wenn ihr Dienst manchmal politisch heftig umstritten war – durch ihre konsequente Pflichterfüllung einen ganz wesentlichen Beitrag zur Glaubwürdigkeit der „atomaren Abschreckung“ und damit zur Erhaltung des Friedens in der zweiten Hälfte des 20.Jhdts geleistet haben.